Kurz gesagt

Das Wichtigste

  • Ovale Gräber der unterägyptischen Buto-Kultur aus dem 4. Jahrtausend v. Chr.
  • Lehmziegelbauten, Getreidespeicher, Öfen und Herdstellen der Zweiten Zwischenzeit
  • Bestattungen bis in die griechisch-römische Zeit – darunter ein Kind in zwei wiederverwendeten Amphoren

Kom el-Khilgan ist kein neu entdeckter Fundplatz. Neu ist vielmehr, wie dicht die laufenden Ausgrabungen seine lange Nutzungsgeschichte fassen: Gräber, Wohnbauten und Wirtschaftsbereiche liegen hier in mehreren zeitlichen Schichten übereinander. Die Befunde reichen von Gemeinschaften des prädynastischen Unterägypten über die Hyksoszeit bis zur ptolemäischen Epoche.

Ein Fundplatz mit vielen Zeitschichten

Kom el-Khilgan liegt weniger als einen Kilometer von Samara und rund 40 Kilometer südwestlich von Mansura entfernt. Der Fundort erscheint in den Mitteilungen auch als Kom al-Khaljan und Kom El-Khelgan; dieser Beitrag folgt der Schreibweise des wissenschaftlichen Grabungsprojekts. Das niedrige Siedlungs- und Gräberareal erhebt sich nur wenig über die umgebenden Felder. Bereits französisch-ägyptische Kampagnen von 2002 bis 2005 untersuchten dort eine ausgedehnte prädynastische Nekropole. Insgesamt wurden damals 239 Gräber dokumentiert. 2

Die nun gemeldeten Arbeiten einer ägyptischen Mission des Supreme Council of Antiquities erweitern dieses Bild erheblich. Nach Angaben des Ministeriums umfasst der Fundplatz nicht nur Bestattungen vom 4. Jahrtausend v. Chr. bis in die griechisch-römische Zeit, sondern auch Wohn- und Wirtschaftsbereiche der Zweiten Zwischenzeit und des frühen Neuen Reichs. 1

Von einer lückenlos bewohnten Siedlung über vier Jahrtausende kann auf Grundlage der veröffentlichten Angaben allerdings noch nicht gesprochen werden. Belegt sind mehrere, teils weit auseinanderliegende Nutzungsphasen. Wie lang die Unterbrechungen waren und wie sich Gräberfeld und Siedlung räumlich zueinander verhielten, muss die weitere Auswertung zeigen.

Beleglage

Gesichert und noch offen

Öffentlich belegt

  • prädynastische Gräber der Buto-I- und Buto-II-Phasen
  • Wohn- und Wirtschaftsbereiche der Zweiten Zwischenzeit
  • Gräber der 15. bis 17. Dynastie und des frühen Neuen Reichs
  • mindestens eine ptolemäische Kinderbestattung in Amphoren

Noch zu klären

  • vollständige Stratigraphie und absolute Datierung der neuen Grabungsflächen
  • Dauer möglicher Unterbrechungen zwischen den Nutzungsphasen
  • konkrete Befunde aus der römischen Zeit
  • abschließende anthropologische und archäozoologische Auswertung

Schlichte Gräber des 4. Jahrtausends v. Chr.

Die ältesten neu vorgestellten Gräber gehören zur unterägyptischen Kultur der Phasen Buto I und II in der ersten Hälfte des 4. Jahrtausends v. Chr. Es handelt sich um einfache ovale Gruben, die in die sandige Gezira geschnitten wurden. Die Toten lagen nicht nach einem einzigen festen Schema, sondern in unterschiedlichen Körperhaltungen. Das Ministerium wertet dies als Hinweis auf variierende Bestattungspraktiken. 1

Auch die Beigaben blieben überschaubar: kleine handgeformte Keramikgefäße und einzelne Muschelschalen. Gerade diese Schlichtheit ist aussagekräftig. Zusammen mit der hohen Dichte der Bestattungen weist sie auf eine größere Gemeinschaft hin, deren soziale und rituelle Ordnung sich nicht allein an kostbaren Grabbeigaben ablesen lässt.

Der Fundplatz ist für die Erforschung der kulturellen Formierung Ägyptens besonders wichtig. In der älteren Nekropole begegnen sowohl unterägyptische Traditionen als auch Bestattungen der Naqada-Kultur. Die Frage, wie beide Gruppen miteinander in Kontakt standen und wie daraus die kulturelle Vereinheitlichung des späteren Ägypten hervorging, gehört zu den zentralen Forschungsproblemen von Kom el-Khilgan. 2

Freigelegte menschliche Bestattung in einem Lehmziegelgrab von Kom el-Khilgan
Eine der freigelegten Bestattungen. Lage, Grabform und Beigaben werden für die zeitliche und soziale Einordnung gemeinsam ausgewertet. Bild: Egyptian Ministry of Tourism and Antiquities

Häuser, Speicher und Gräber der Hyksoszeit

Für die Zweite Zwischenzeit zeichnet sich ein anderer Landschaftsausschnitt ab. Die Mission legte Reste von Lehmziegelgebäuden, Getreidespeichern, Öfen und Herdstellen frei. Keramik, Steingeräte sowie große Mengen an Fisch-, Vogel- und Tierknochen sollen künftig Ernährung, Handwerk und Alltagsleben der Bewohner genauer fassbar machen. 1

Auffällig sind geschwungene, in der Mitteilung als „sinusoidal walls“ bezeichnete Mauern, die Wohn- und Grabbauten umgaben. Solche wellenförmigen Lehmziegelmauern sind vom Mittleren bis zum Neuen Reich bekannt. Welche Funktion sie in Kom el-Khilgan erfüllten – Umfriedung, statische Entlastung oder räumliche Gliederung –, ist in der ersten Fundmeldung noch nicht abschließend erklärt.

Mehrere Gräber datieren in die 15. bis 17. Dynastie und an den Beginn des Neuen Reichs. Ihre Nähe zur Hyksoshauptstadt Ḥwt-wꜥrt – in der griechischen Überlieferung Auaris, am modernen Fundort Tell el-Dabʿa – macht den Platz für die Geschichte dieser Epoche besonders relevant. Zu den Beigaben gehören Schmuck, Amulette, Skarabäen, Werkzeuge, Bronzewaffen und Gefäße im charakteristischen Tell-el-Yahudiyeh-Stil. Eine Lehmziegelgruft der frühen 18. Dynastie enthielt Keramik und Bronzeobjekte; außerdem wurde ein massiver Lehmziegelbau aus derselben Übergangszeit angeschnitten. 1 5

Ein Kind in zwei Amphoren

Zu den jüngsten konkret beschriebenen Befunden gehören einfache ptolemäische Grabgruben. In einer davon war ein Kind in zwei wiederverwendeten Amphoren bestattet. Gefäßbestattungen von Kindern sind aus der griechisch-römischen Welt vielfach bekannt; in Kom el-Khilgan belegen sie, dass der Ort auch nach den pharaonischen Siedlungsphasen als Bestattungsplatz Bedeutung behielt. 1

Die offizielle Mitteilung spricht insgesamt von einer Nutzung bis in die griechische und römische Zeit. Ausführlich beschrieben wird bislang jedoch nur das ptolemäische Beispiel. Eine fachliche Publikation der jüngsten Kampagne steht noch aus. Erst sie wird zeigen, welche römischen Befunde vorliegen und ob die einzelnen Phasen stratigraphisch direkt miteinander verbunden sind.

Sicher ist bereits jetzt: Kom el-Khilgan bewahrt kein einzelnes Momentbild. Der Platz verbindet Bestattung, Wohnen und Wirtschaften über einen außergewöhnlich langen Zeitraum – und erlaubt damit einen seltenen Blick auf den Wandel des östlichen Nildeltas. 3

Nachweise

Quellen und Beleglage

  1. 1 · Offizielle FundmeldungEgyptian Ministry of Tourism and Antiquities: Neue Ausgrabungsergebnisse aus Kom el-Khilgan

    Primärquelle zu Befunden, Datierungen und Funden; Quelle der beiden verwendeten Originalaufnahmen.

  2. 2 · Forschungs- und GrabungskontextArchéo-Nil: Kôm el-Khilgan – Predynastic cemetery in the Nile Delta

    Projektgeschichte, Lage, ältere Grabungsergebnisse und Bibliographie zur prädynastischen Nekropole.

  3. 3 · Zeitgenössischer BerichtArchaeology Magazine: Nile Delta Necropolis Used for Thousands of Years

    Englischsprachige Zusammenfassung der Fundmeldung mit Verweis auf die ägyptischen Behörden.

  4. 4 · Frühere offizielle FundmeldungEgyptian Ministry of Tourism and Antiquities: A discovery of 110 tombs in Kom al-Khaljan

    Angaben zu den 2021 bekanntgegebenen Gräbern der Buto-, Naqada- und Hyksoszeit am selben Fundplatz.

  5. 5 · Archäologischer OrtskontextÖsterreichische Akademie der Wissenschaften: OREA Annual Report 2020 – Tell el-Dabʿa

    Forschungsbericht zur Hyksoshauptstadt am modernen Fundort Tell el-Dabʿa; nennt die altägyptische Namensform Ḥwt-wꜥrt.

Zusammenhang
Fundort
Kom el-Khilgan
Region
Östliches Nildelta
Naher Ort
Samara, ad-Daqahliyya
Historischer Ort
Ḥwt-wꜥrt · griechisch Auaris
Moderner Fundort
Tell el-Dabʿa
Institution
Supreme Council of Antiquities