
Ein neuer Fund aus der Judäischen Wüste sorgt für Aufsehen: Ein griechischer Papyrus aus der Zeit vor dem Bar Kochba-Aufstand (132–136 n. Chr.) dokumentiert einen aufsehenerregenden Kriminalfall im östlichen Teil des Römischen Reiches. In einer öffentlichen Sitzung der philosophisch-historischen Klasse der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) am Donnerstag, dem 10. April 2025, wird dieser außergewöhnliche Fund im historischen und rechtlichen Kontext vorgestellt und diskutiert.
Die Veranstaltung beginnt um 17:30 Uhr im Sitzungssaal des ÖAW-Hauptgebäudes am Dr. Ignaz Seipel-Platz 2, 1010 Wien.
Der neu entdeckte Papyrus ist nicht nur ein juristisches Dokument, sondern auch ein Fenster in die komplexe Welt römischer Verwaltung und lokaler Konflikte am Vorabend eines der gewaltsamsten jüdischen Aufstände gegen Rom. Im Mittelpunkt steht ein Fall von Steuerbetrug und Urkundenfälschung: Die Hauptfiguren, Gadalias und Saulos, sollen Sklavenverkäufe vorgetäuscht haben, um sich der Steuerpflicht zu entziehen. Dabei nutzten sie offenbar gezielt die geografische und verwaltungstechnische Grenze zwischen den römischen Provinzen Iudaea und Arabia aus – ein raffinierter Betrugsversuch, der jedoch aufflog.
Das Dokument, dessen Ursprung wahrscheinlich in einer Höhle der Judäischen Wüste liegt, bietet nicht nur Einblicke in die juristische Praxis der damaligen Zeit, sondern auch in die Spannungen zwischen den jüdischen Gemeinden und der römischen Herrschaft. Die Erwähnung früherer Vergehen der Angeklagten – darunter Aufruhr, Erpressung und Fälschung – sowie Hinweise auf versuchte Richterbestechung zeigen, wie sehr sich der juristische Diskurs mit politischen Zuschreibungen vermengte. Das Verfahren fand offenbar unter dem Statthalter Tineius Rufus statt, unmittelbar nach dem Besuch Kaiser Hadrians in der Region.
Im Rahmen der Veranstaltung beleuchten vier namhafte Fachleute unterschiedliche Aspekte des Fundes:
- Fritz Mitthof berichtet über die Entzifferung des Papyrus und die paläographischen Herausforderungen.
- Anna Dolganov analysiert den historischen und rechtsgeschichtlichen Kontext des Steuerbetrugs und fragt nach möglichen politischen Implikationen.
- Philipp Scheibelreiter widmet sich der juristischen Terminologie des Textes und zeigt, wie römisches Recht in griechischer Sprache vermittelt wurde.
- Gerhard Thür geht der Frage nach der Effizienz der römischen Provinzialverwaltung anhand dieses und anderer Fälle nach.
Die öffentliche Sitzung bietet somit nicht nur spannende Einblicke in die antike Rechtsgeschichte, sondern macht zugleich die methodische Bandbreite der Altertumswissenschaften erfahrbar – von der Textrekonstruktion über rechtshistorische Analyse bis hin zur kulturgeschichtlichen Einordnung.
Der Eintritt ist frei. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.